26.01.08 D-Berlin, Festhalle Kreuzberg
Dieser Bericht von Christian Schober wurde uns freundlicherweise vom Musikmagazin LAXMAG.de zur Verfügung gestellt.
ANAJO: BERLIN
Anajo erlebten 2007 das erfolgreichste Jahr ihrer Karriere: Bundesvision Song Contest, Album plus Single in den Charts,Tourneen durch Russland und die Ukraine. Dass sich die Band jedoch auf einer runtergerockten, heimischen Bühne immer noch wohler fühlt als im Fernsehstudio oder im ukrainischen Sprach-Seminarraum, bezeugt unser Redakteur Christian am 26. Januar im Festsaal Kreuzberg.
An diesem Abend bläst der Ostwind besonders steif und peitscht die Schilder vor den Döner-Läden wuchtig über die Kreuzberger Gehsteige. Trotz des Wetters hat sich aber bereits eine Stunde vor Einlass ein kleines Grüppchen aus Schwerin vor den Türen des Festsaals versammelt, auch wenn bis auf den Bundeswehr-VW-Bus, mit dem Anajo seit Jahren unermüdlich kreuz und quer durch die Republik tingeln, noch nichts von der Band zu sehen ist. Zwei Stunden Fahrt und anschließend im Regen stehen, wie jene Fans aus Schwerin, sollte man aber mindestens auf sich nehmen, um eines der nur noch wenigen Anajo-Konzerte vor der angekündigten Live-Pause zu sehen; denn sonst verpasst man Folgendes.
Nach dem grandiosen Support von 1000 Robota, die tatsächlich entsprechend der Aussage Anajos „nicht nur so klingen, sondern auch so aussehen wie die Arctic Monkeys", betreten die drei Augsburger zum obligatorischen „A-Team"-Thema die Bühne und begrüßen das Berliner Publikum erstmal mit „Hallo, wer kennt hier eigentlich wen?". Dass das Publikum auf jeden Fall die Songs der Band kennt, ist nach den ersten drei schon mal klar: Von „Honigmelone", „Spätsommersonne" und „Hotelboy" wird jede Zeile mit intoniert. Und zwar in zwei Versionen: Da sind die Mädchen, die dezent mitsingen und vor allem -fühlen, während ihre unter dem Pony hervor kullernden Augen Anajo-Sänger Olli fixieren, und deren Boyfriends - um im Anajo-Jargon zu bleiben - , die verschwitzt und hüpfend in selbstgemachten Anajo-Shirts und mit ausgereckten Zeigefingern mit gröllen. Denn irgendwie schafft es die Band, all diese verschiedenen Menschen auf verschiedene Art und Weise zu begeistern. Da fragt Bassist Michi den "Typ mit angeklebten Bart", wie das Handballspiel Deutschland gegen Frankreich ausgegangen sei (Antwort: 26:36) und einen Moment später umsorgend das „kleine Mädchen auf der Galerie, ob es meine Ohrstöpsel bekommen hat". Anajo gelingt es wie nur wenigen anderen Bands, ein so diverses Publikum, wie es sich an diesem Abend in Kreuzberg versammelt hat, anzusprechen.
In erster Linie erreichen sie das natürlich durch ihr unglaubliches Arsenal an Songs: Untergrund-Hits wie „Vorhang auf", „Ich hol dich hier raus" und „Monika Tanzband" reihen sich aneinander und lassen staunen, wie viele fantastische Lieder diese Band nach nur zwei Alben bereits auf dem Konto hat. „Wenn du nur wüsstest" kündigt Sänger Olli scherzhaft an als ein „Lied für alle Verliebten, egal ob glücklich oder unglücklich. Aber das ist in einer Stadt wie Berlin eigentlich eh egal." Übel nimmt ihm das hier keiner. Stattdessen flüstert einer seiner Freundin zu: „Der ist schon echt ganz schön süß." Viel Zeit für unglückliche Liebesballaden bleibt nicht; es geht weiter mit „Herz Ass", der „Stadt der Frisuren", „Mein lieber Herr Gesangsverein" und all den anderen großen Indie-Liedern, die in ihren Texten so geschickt zwischen blanker Naivität und entwaffnendem Scharfsinn pendeln. Als Cover-Songs dürfen live natürlich das feinfühlig übersetzte „Jungs weinen nicht" (The Cures „Boys don't cry") und das leider irgendwie etwas überflüssige „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da" nicht fehlen.
Zur Zugabe erscheint Olli alleine auf der Bühne und zupft das zarte Moll von „Amsterdam-Mann". Es wurde auch Zeit, schließlich hat das Publikum das Lied, das auf dem besten Weg ist, das „Er gehört zu mir" des Indie-Pop zu werden, bereits mehrmals lauthals gefordert, und zwar nur die Jungs. Jetzt singen sie konsequenterweise auch artig mit, einen Vers, dessen letzter Teil auch auf die Konzerte Anajos zutreffen könnte: „Den schönsten Mann sah ich in Amsterdam. Ich weiß nicht ob und ich weiß nicht wann, das irgendwer übertreffen kann." (Christian Schober)
