23.08.08 BootBooHook Hannover

Eigentlich wollte ich nicht nach Hannover

Festivals sind immer so ein Ding, entweder man kann sich selbst eine Woche nach der Veranstaltung noch die Haut in Fetzen vom Körper zupfen, weil man sich einen Sonnenbrand eingehandelt hat, der seinesgleichen sucht (selten) oder man muss sich schon während der ersten Band des Tages sein mitgebrachtes Seepferdchen auf den vor Kälte und Nässe schützenden Neopren Anzug nähen, nachdem man seine Gummistiefel in einer Matschwüste die jedem Moorbad zu Ehre gereichen würde verloren hat (häufig).

Daher war die Entscheidung der BootBooHook Festivalleitung ein Indoor Festival zu veranstalten, die einzig richtige, die man für dieses Wochenende treffen konnte. Denn als hätte man es bestellt- Mistwetter vom Feinsten war geboten, von eisig kaltem Wind bis zum Monsunartigen Regen war alles dabei, doch das sich durch seine Gemütlichkeit auszeichnende Faust mit seinen zwei Hallen, der Galerie und dem Klappstuhlkino, bot Freunden gepflegter Musikalischer Unterhaltung auf hohem Niveau ein sehr angenehmes Ambiente.

Aber mal alles auf Anfang. Nach eine angenehmen Anreise aus München erwartete uns das vom BootBooHook empfohlene Suite Hotel in Hannover mit wirklich ansprechendem Ambiente für gerade mal 25€ pro Nase und Nacht. Nicht nur Preis/Leistung waren in bester Ordnung auch die Lage, direkt am Bahnhof ersparte mühsames Auseinandersetzen mit der Nahverkehrsstruktur der Niedersächsischen Landeshauptstadt.

Aufgrund des einsetzenden Starkregens ging es mittels Taxi zum Festivalgelände, wo wir uns erstmal die gute, wenn auch ein wenig klein geratene Ausstellung von Olaf Heine und Nina Kolle sehr interessiert zu Gemüte führten.

Sehr gut hat uns vor allem die Idee mit der Musikalischen Unterstützung aus goldenen Schachteln zu den einzelnen Bandfotos von Nina Kolle gefallen. Was uns allerdings auch gleich zum Grübeln brachte, da ausgerechnet bei Co-Labelchef Dirk Darmstädter eben diese goldene Schachtel mit integriertem mp3 Player fehlte. Eine direkte Nachfrage bei Dirk ergab allerdings auch keine Überraschung nach dem Motto, er setzte sich zwischen 21 und 22 Uhr unters Bild und spiele live, sondern der O-Ton: „Da scheint wohl keine Schachtel mehr für mich übrig gewesen zu sein“. So gehen heute Künstler mit Kollegen um- ein Skandal Frau Kolle!

Auch ein Skandal muß im Jahr 1971 der Film „Rocker“ von Klaus Lemke gewesen sein, da die ARD ihn erst 1981 erstausstrahlte. In dem zweifelsohne authentischen Film, dessen Schauspieler alle sich selbst spielen, fließen mehrere Handlungsstränge ineinander um am Ende in einer Melange aus Alkohol, Drogen, Betrug, Raub, Diebstahl, Mord und verzweifelter Schicksale zu implodieren. Viel harmonischer geht es im Film „Müssen alle mit“ zu, kein Wunder, Bernd Begemann reist durch die Republik und Interviewt von Anajo bis Rocko Schamoni alles was in seinen Augen relevant ist. Ein wirklich liebevoll gemachter Film, der nicht durch eine aufwendige Produktion weich gezeichnet wurde, sondern durch Inhalt glänzt. Deshalb stören die Kamerawackler und die ein oder andere Tonangel im Bild auch eher nicht.

Nach dem Kulturschock in der Oberen Etage des Faust stand 1000 Robota in der 60er Jahre halle auf dem Programm. Erstes Bier, schönes Plätzchen gesucht und dann leider enttäuscht worden. Anstatt des frischen, jugendlichen und voller Esprit geladenen Auftritts, den sie z.B. in Berlin hingelegt hatten, war schon der Opener von so destruktiver Aggression geprägt, dass das spätere beschimpfen des Publikums nicht wirklich überraschte. „Mehr Respekt für die Band, Wir Band, ihr Publikum,...“. Sehr schade das ganze, aber leider konnte und wollten wir uns das ganze nicht bis zum Schluß antun vielleicht wird’s ja das nächste mal besser, als nix wie rüber ins Memphisto zu Wolke- Balsam auf unsere von Robota geschundenen Pop Seelen. Dynamisch, crispy, frisch genau das was man von Ihnen erwartet, bzw. noch ein wenig mehr. Ein Auftritt, der ganz sicher in den Top 3 des Festivals zu notieren ist.

Mit einem grundsoliden Auftritt, der ebenso überzeugte ging es danach weiter, The Horror The Horror aus Schweden standen auf dem Programm. Eigentlich ein Wahnsinn, dass die Band es in Deutschland noch nicht weiter gebracht hat, charmant, sympathisch gaben sie in der großen Halle Ihre Visitenkarte in einem Konzert ab, in dem die Spielfreude quasi zu greifen war. Dass es mit der Spielfreude so weiterging hatten dann andere Skandinavier zu verantworten. „Men among Animals“ aus Dänemark überraschten mit detailverliebter Licht Dekoration. Neben den Lichtschlauch Mikroständern wurde auch der Bassist mittels bunter Glühbirnenkette in das Visiokonzept mit einbezogen. Um 22:30 versuchten dann Superpunk in der 60er Jahre Halle, Geld zum ersetzen Ihrer Zähne zu erpressen, was sie trotz dem etwas trägen Publikum (schwüle Hitze) ohne Probleme schafften und einen rundum gelungenen Gig ablieferten. Danach war für die Anajo Ultras an diesem Tag Schicht ende, so dass wir Escape from Hawaii nur noch kurz sahen und Rantanplan komplett verpassten, aber Samstag war ja auch noch ein Tag! Deshalb streng nach Astra Kid Manier schwarz Trambahn gefahren und ins Hotel gelegt.

Samstag wurde dann erstmal ausführlich bei der Sylter Fischimbiß Kette gefrühstückt und dem Roten Faden der Stadt Hannover gefolgt. Den sind wir dann auch glatt falsch rum gelaufen, aber da ein Rundgang ja ein Rundgang ist, war das nicht so wild, ebenso wie die Stadtansicht von Hannover, außer dem neuen Rathaus und einer ausgebombten Kirche incl. der von der Stadt Hiroshima gestifteten Gedächtnis Glocke, war leider nicht wirklich viel Sehenswerte dabei. Aber wie schon Bernd Begemann singt- „Eigentlich wollte ich nicht nach Hannover“, wir wollten ja auch eher auf das Festival als in die Stadt, und da gings auch nach einer kurzen Pause wieder hin. Allerdings ein wenig zu spät so dass wir die wunderbare Regy Clasen und Veranda Music verpassten und erst mit Prinzessin Plastik den Musikabend begonnen. Doch irgendwie fehlte uns um diese Zeit ein wenig der Antrieb, so dass wir Sowohl Prinzessin Plastik, die Dutch Uncles (bis auf 2 Songs) als auch einen Teil der Paul Dimmer Band von der Raucher Lounge aus genossen. So richtig los ging es dann emotional erst wieder mit Nils Frevert & Band, die uns vom Album „Das mit dem Auto ist egal....“ vorspielten. Zu Dial M for Murder aus England, konnten wir uns leider keine fundierte Meinung bilden, da Nils Frevert & Band ein wenig länger spielte und wir nach 2-3 Songs dann ja auch gleich in die 60er Jahre Halle wechselten um uns mittels Diskoschorle auf den Headliner des Abends einzustellen.

Durst war gestillt, Halle gefüllt, Publikum in freudiger Erwartung- nur der Soundcheck war noch nicht fertig. So hatte das komplette Publikum die Ehre bei einem Soundcheck von Anajo dabei zu sein. Die Jungs fanden das offensichtlich nicht so prickelnd, wie man ihren Gesichtern ablesen konnte. Was dann folgte war ein fast komplettes Set, leider ohne Koks und Sonne, etc. dafür aber mit dem jetzt wohl fest in der Setlist verankerten Landei. Besonders die Damen vor Michi, war ja irgendwie klar, hatten Ihren Spaß und sorgen vor der rechten Bühnenhälfte für gute bis sehr gute Stimmung. Des weiteren wäre noch zu bemerken, das Ingolf ein paar neue Variation ausprobiert hat, die so nicht auf der Platte zu hören sind und das der Mann am Ton- Herr Winter, fast mit Doris geknutscht hätte, als sie noch Köpf ohne Schröder geheißen hat. Ansonsten gab es noch 2 Zugaben und zwar Amsterdam und den Tiger, bei dem abermals Ingolf seine Rockerpose, die viele schon vermisst hatten mit eingebaut hat. Schöner Abgang, brav verbeugt, rundum geschmeidiges Konzert.

Ein Blick auf die Uhr, sie haben sich nicht beeilt- Kolkhorst spielte schon im Memphisto, also nix wie rüber in die kleinere der beiden Hallen und die letzten 5 Liedern seines Auftritts mitgenommen, darunter waren alleine 3 vom neuen Album, welches im September bei Tapete Records erscheinen wird. Wenn man bei seiner letzten Platte noch darüber gerätselt haben mag, was er mit seinen Texten sagen will, bei den Neuen Songs, zumindest den gehörten, ist für Interpretationen nicht mehr viel Platz. Direkt, hart, ungeschönt, das wahre Leben. Danke für das Konzert Kolkhorst.

Tja und dann stand auch schon das letzte Konzert dieses wahnsinnig sympathischen Festivals auf dem Plan- der sexiest Schweißfleck alive enterte die Bühne, Bernd Begemann & Die Befreiung. Leider waren auch diesmal nur 4 Songs drin, zum einen wegen der Überlappung mit Kolkhorst, zum anderen mussten wir dringendst etwas gegen unsere Dehydrierung und Erschöpfung nach dem Anajo Auftritt unternehmen. Obwohl ich ja in Hannover gerne seine Hymne an die Stadt gehört hätte (siehe Headline).

Nachdem sich auch Anajo etwas erholt und vor allem umgezogen hatten, erschienen sie nach und nach um noch ein wenig Aftershow Feierei zu betreiben, was ebenso glückte wie lange andauerte. Die Damen aus der Ersten Reihe waren auch wieder dabei und so wurde zu Clubkrachern aus den frühen 2000er Jahren (ok, ein paar Schmankerl waren schon dabei) noch kräftig das Knie verdreht, denn wer tanzt denn heute noch mit Hüfte?

Nachdem genügend Spiritualität geflossen war und der Abend um kurz nach 4 seinen Höhepunkt überschritten hatte, wankten die Protagonisten des Popgefechts zur Verteidigung des guten Geschmacks, von den Anstrengungen dessen gezeichnet, dem Ausgang und somit dem Taxi entgegen. Da es im Hotel der Band leider keine geöffnete Hotelbar mehr gab, musste das letzte Getränk des Abends aufs nächste mal verschoben werden. Leider, aber geschadet hat es nicht, denn von Dehydrierung konnte keine Rede mehr sein. Allerdings stellte sich bei mir ein Ungleichgewicht in meinem Elektrolyte Haushalt ein, so dass ich nach der Verabschiedung von der Band in meinem Hotel noch kurz einen „Currywurst in Plastikschale“ Shopping Stop einlegen mußte.

Im Bewusstsein an diesem Wochenende das richtige getan zu haben verließ ich die Brücke des Dampfers der sich Pop nennt und sehnte mich dem Ende der am nächsten Tag anstehenden Zugfahrt deren Ziel München sein würde entgegen.

Fazit: Immer jetzt und immer wieder!

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